Jahresendabrechnung

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… man sagt, wenn ein Jahr sich dem Ende neigt, soll man innehalten, die Augen schließen und im Geiste zurückblicken.

Da das menschliche Gedächtnis aber so fragil ist – meines insbesondere – empfiehlt es sich, all´ die kleinen und großen Momente im Vorfeld schriftlich zu fixieren – Papier vergisst nicht, nicht wahr?! – Glücksmomente sammeln wie andernorts Kieselsteine.

Im Verlauf eines Jahres wandern diese Botschaften, Zettel, Briefe, Notizen in ein Behältnis, ein Deckel sorgt dafür, dass unsere Erinnerungen sicher bewahrt werden.

Am letzten Tag des alten Jahres schließlich öffnen wir die Dose, das Glas, die Schachtel, räumen den Weg frei zu längst Vergessenem. All´die großen und kleinen Begebenheiten, die Begegnungen, Gesichter, Gespräche, Momentaufnahmen … wir erinnern uns.

Der Hüter meiner Erinnerungen ist eine Kaffeedose. Der ehemalige Inhalt vermutlich von eher minderwertiger Qualität. Öffne ich jedoch den Deckel, entströmt aus ihrem Innern ein Duft nach Harzen und Eukalyptus – auch das eine Momentaufnahme: ich, an jenem lichtdurchfluteten Ort, zu beiden Seiten ragen grün bewachsene Hänge in die Höhe, unter meinen Füßen raschelt das Laub, an meinen Fingerspitzen klebt das Harz einer Baumrinde, über mir der blaue Himmel, Vogelgezwitscher in den Kronen, der Wind spielt im Geäst und streift mich bei jedem Hauch mit einer Ahnung meines geliebten Eukalyptus´…

Was sind eure Momentaufnahmen?

Lasst es mich wissen

und bis dahin wünsche ich euch, dass das Jahr 2018 mit überwiegend positiven Erinnerungen verbunden ist und 2019 viele wunderbare Momente, Überraschungen und spannende Begegnungen für euch bereit hält.

Wo auch immer ihr gerade seid, was auch immer ihr gerade tut, tut es mit wachem Geist und überfließendem Herzen.

Un fuerte abrazo.

Feliz año nuevo!

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In der Erinnerung sind Träume bunt

RÜCKBLENDE 2

2015/2016

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… die Feiertage habe ich in der Ruhe und Abgeschiedenheit meines Zimmers verbracht und lediglich das Haus verlassen, um frisches Obst und Gemüse zu kaufen. Ich habe die Einsamkeit gesucht. Die letzten Tage waren recht arbeitsintensiv und ich merke, wie meine Energiereserven immer mehr auf Sparflamme laufen.

Das ist der Vorteil an diesem Beruf. An manchen Tagen fehlt mir jegliche Motivation – animos sagen die Peruaner – meine Stimmung ist am Boden, das Herz ist schwer und der Kopf voll abstruser Gedanken, doch dies alles zählt nicht, dies alles rückt völlig in den Hintergrund, wenn ich durch das schmiedeeiserne Tor im Eingangsbereich gehe. Für meine Schüler – ich kann sie nicht hängenlassen – gebe ich alles, ich reiße mich zusammen und setze ein Lächeln auf und eigentlich muss ich mich gar nicht dazu zwingen. Stehe ich vor ihnen und betrachte ihre aufmerksamen Gesichter, sehe in ihre interessierten und erwartungsvollen Augen – natürlich gibt es immer Ausnahmen – fällt alles Schwere, alles Bedrückende, jegliche Schwermut von mir ab. Ich bin ganz bei mir.

Oft fragen mich meine Schüler nach meinem Alter und ob ich verheiratet sei oder zumindest liiert. Sie zeigen sich regelmäßig überrascht, sie hätten mich jünger eingeschätzt, wie schmeichelhaft.

Und Kinder, willst du denn keine Kinder?

Nein. Augenbrauen die in die Höhe schnellen und die fassungslose Frage: Keine Kinder? Aber später vielleicht, oder?

Nein. Auch nicht später. Vielleicht. Vielleicht aber doch, wer weiß. Ich kann mich da nicht festlegen. Ich finde den Gedanken, nicht zu heiraten und niemals eine eigene Familie zu gründen, keineswegs abwegig oder erschreckend. Ich sehe mich nicht als Mutter, habe es nie. Obwohl ich gerne gebe. Und ich freue mich, meinen Schülern helfen zu können, ich freue mich über ihre Fortschritte, ihre Erfolge, um ihretwillen. Für sie bin ich Schwester, Mutter, Freundin, Therapeutin … vermutlich verspüre ich deswegen nicht den Drang, die klassische Mutterrolle einzugehen, ich fülle sie ja schon längst aus, auch wenn „meine Kinder“ schon groß sind.

Doch trotz aller Hingabe, die ständige Präsenz fordert ihren Tribut und so finde ich mich am 24.12 pünktlich um 24 Uhr auf meinem Bett sitzend/halb liegend vor, während draußen der Nachthimmel in verschiedenfarbigen Feuerwerkskaskaden explodiert. Ich fühle mich ruhig, nicht traurig, vielleicht ein wenig wehmütig, weil ich gerade nicht bei meiner Familie sein kann, aber weniger wegen Weihnachten – hier kommt für mich einfach keine festliche Stimmung auf, es fehlt die Kälte und so viel mehr – sondern generell. Ich vermisse sie. Und eigentlich fehlt auch der obligatorische Gottesdienstbesuch, obwohl ich Messen furchtbar langweilig finde, mag ich die Weihnachtsmesse sehr gerne. Aber jetzt verspüre ich wenig Lust, einen Fuß vor die Tür zu setzen. Nein, ich bleibe einfach liegen und lasse angesichts des nahenden Jahreswechsels die Bilder, die Ereignisse dieses bald alten Jahres Revue passieren. Eigentlich ein ganz gutes Jahr, ich habe gelacht, ich habe geliebt, vermeintlich gehasst, geweint, auf den Tisch gehauen, auch mal den Mund gehalten, mich getraut, vertraut, vergeben, vergessen … von allem ein bisschen. Und trotz der Pleiten und Bruchlandungen, trotz der Verrücktheiten und Ernüchterungen, trotz der sprichwörtlichen blauen Flecken und davon gibt es reichlich viele – bisweilen stolpere ich unbeholfener durchs Leben als ein Blinder mit Krückstock – bereue ich nichts, auch wenn das nun furchtbar pathetisch klingt. Es ist wahr, all die Dummheiten, die ich beging, waren samt und sonders meine, aus freien Stücken verschuldet und vermutlich – hätte ich die Wahl – erneut und allzu bereitwillig wieder begangen.

2016 also. Ich verbrachte den Morgen sowie auch den frühen Abend auf einer Hochzeit. Eine Schülerin von mir hatte mich eingeladen. Peruanische Festlichkeiten sind … nun ja speziell, das kann man eigentlich gar nicht beschreiben, das muss man am besten selbst erleben. Später ließen wir den Abend/die Nacht noch im Zentrum ausklingen. Und dort wollte es der Zufall, das Schicksal oder schlichtweg die Ironie des Lebens, dass ich einer, nennen wir es mal „liegengebliebenen Liebschaft“ über den Weg lief. Glaubst du an Schicksal? Ich nicht, ich weigere mich vehement gegen den Gedanken, dass unser komplettes Leben vor- bzw. fremdbestimmt sein soll, dennoch … gewisse Ereignisse lassen mich zu der Überzeugung kommen, dass einige Begegnungen tatsächlich vorbestimmt sind. Betrachte ich die Kette aller Ereignisse, die jeweils dazu führten, erscheint es lächerlich noch von Zufall zu sprechen … wie dem auch sei.

Am letzten Abend dieses alten Jahres kreuzten sich unsere Wege erneut. José Antonio. Theaterdirektor, Schauspieler, Fotograf, exzentrisch, tiefgründig und mit einer Leidenschaft fürs Leben, die ihresgleichen sucht. Unser letztes Zusammentreffen verlief allerdings ziemlich bescheiden und über mehrere Monate herrschte absolute Funkstille. Umso überraschender und unerwarteter diese erneute Begegnung.

Es gab eine Zeit, da hätte ich mir durchaus etwas Großes vorstellen können, das war vor …, aber einer nach dem anderen …

José, einer vorübergehende Tollheit. An diesem Abend prüfte ich meine Gefühle genau. Er, immer noch exzentrisch, tiefgründig, leidenschaftlich und vielleicht auch nur ganz unbewusst Pfeile verschießend, die allesamt ihr Ziel verfehlten. An jenem Abend hörte es auf, wehzutun. Als wir so zusammen saßen und wie von selbst in die alte Vertrautheit fielen, verspürte ich eine große Erleichterung. Ich konnte ihn haben – vorübergehend freilich – die Sache war, ich wollte es nun nicht mehr. Kein Herzrasen, keine nervös gestammelten Worte, keine schlechten Kompromisse mehr. Ich war frei, endlich. Und so kam es, dass wir in den frühen Morgenstunden zusammensaßen, zu einer ganz unwirklichen Zeit, uns gegenübersaßen und sprichwörtlich blankzogen. Er erzählte mir von „ihr“, dem Ende und in seinen Augen blitzte kurz ein Abgrund auf, dann riss er sich wieder zusammen und blickt nur lakonisch zur Decke. Ich erzählte ihm von „ihm“ und der Enthusiasmus in meiner Stimme war vielleicht nicht gerechtfertigt, aber sei’s drum. Wir sprachen viel, beide ganz gegenwärtig und mit den Gedanken gleichzeitig meilenweit entfernt. Wir redeten ohne falsche Zurückhaltung, ohne Beklemmung in der Stimme … bis mir in den frühen Morgenstunden die Augen zufielen.

Ich schlief nicht lange, vielleicht zwei Stunden, als ich die Augen öffnete und unter verquollenen Lidern mein Umfeld blinzelnd begutachtete, konnte ich nicht anders als zu staunen. José lag zusammengerollt in Embryostellung auf meinem Bett. 24 Stunden zuvor wäre ich noch in schallendes Gelächter ausgebrochen, hätte mir jemand diese Szenerie geschildert. Leise erhob ich mich und trat vor die Tür. Ein wunderbar früher Morgen, es war erst kurz vor 6, die Sonne schickte ihre ersten Strahlen über die Gipfel von Misti, Chachani und Picchu Picchu. Ich hielt mein Gesicht der Sonne entgegen, schloss die Augen, kein Lärm war zu hören, kein Hupen, kein Motor, nichts. Stille. Und in diesen Moment verspürte ich einen großen Frieden.

2016?

Komme, was da komme, es schreckt mich nicht, ich bin bereit.

Die nächste Liebe hält ein Leben lang

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Die Liebe ist eine Illusion, Sèverine.

Lass dir das gesagt sein und vergiss es nicht, in einer Beziehung vor allem in einer Liebesbeziehung geht es stets um den Austausch von Ressourcen. Das was man gemeinhin so Liebe nennt, ist in Wirklichkeit nichts anderes als ein Mangel. Ein Mangel an materiellen oder idealistischen Güter oder schlichtweg ein Mangel an sich selbst.

Ein Mensch mit all seinen Widersprüchen und Defiziten sehnt sich verzweifelt nach Halt, jemanden, der dem wütenden Aufruhr in seinem Innern, der quälenden Zerrissenheit, Einhalt gebietet und dem Chaos Struktur verleiht, das Defizit, die Leerstelle füllt und sei es auch nur durch seine bloße Gegenwart. Ihm schließlich das Gefühl gibt, normal zu sein.

Und ist das nicht unsere größte Angst? Unzulänglich zu sein. Die Vorstellung, nicht zu genügen, nie, wie verzweifelt wir uns auch anstrengen mögen.

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„Aber die nächste Liebe“, sagst du und deine Stimme zittert nur ein wenig, „die nächste Liebe hält ein Leben lang.“

Mein Hibiskus ist über Nacht erblüht.
Am Morgen hing eine dicke Wolkendecke über den Gipfeln von Chachani, Picchu Picchu und Misti. Gegen Mittag verdunkelte sich der Himmel endgültig und von den stolzen Vulkanen waren nicht einmal mehr die Umrisse zu sehen, so dicht schloss die Nebeldecke. Ein Grollen war in der Ferne zu hören und kurz darauf das mächtige Dröhnen eines Donners. Regen. Endlich!
Ich lief auf die Terrasse und schon fielen die ersten schweren Tropfen, zerplatzten auf dem grauen Stein. Ein leichter Wind fuhr durch das Geäst meiner Pflanzen, schüttelte die zartgrünen Blättchen bedenklich und doch konnte ich nicht umhin, diesen Regen als ein Geschenk des Himmels anzusehen.
Würde es doch nur einmal richtig schütten, eine Sintflut, sturzbachartig alles mit sich fortreißen, dass kein Stein mehr auf den anderen bliebe – ausschließlich metaphorisch freilich – und trotzdem, eine etwas destruktivere Gesinnung in mir wünscht, ja ersehnt den Akt der Zerstörung wie ein mutwilliges Kind – wer weiß, vielleicht bedaure ich den Verlust hinterher und vergieße ebenso bittere Tränen, doch klüger ist man immer erst hinterher.

C´est la vie!

Und doch weiß ich, ich muss die Grundfesten erschüttern, alles einreißen, um neu zu beginnen, denn schließlich auf bröckelnden Zement errichtet man nicht seine Festung. Und ich …
ich habe bereits viel zu lange mit den Wölfen geheult. Ich bin es müde geworden, oder meine Haut zu dünn. Wer weiß, vielleicht ist es das Wetter.

Honig und Weizen – miel y trigo – mein Haar riecht nach Weizen und Honig. Einzelne Strähnen von Grün, Türkis und Mitternachtsschatten ziehen sich durch das Gebälk meiner Gedanken, fließen von der Schwerkraft angezogen in sanften Locken Richtung Schulter, umschmeicheln mein Gesicht, bei jedem Schritt streift eine weiche Wolke meine Haut, wie eine Liebkosung, wie ein Versprechen. Bisweilen kann es geschehen, dass ich in der Bewegung innehaltend, zitternd dem Ansturm der Gefühle erliege.

Ich habe in Öl gebadet. Rosenöl. Habe es mir auf Stirn, Schläfe, Nacken, Bauchnabel und zwischen die Brüste getupft. Ich habe eine Landkarte für dich gezeichnet und all` diese kleinen, in meinem Körper Leuchtfeuer entzündenden Stellen markiert. Ich habe mein Haar aufgesteckt, eine Strähne fiel mir verwegen ins Gesicht, überschattete ein Auge, hellbraun mit grünem Rand. Ich zog das neue Kleid an, das rote, das rückenfreie und mit dem geschwungenem Ausschnitt, meine Schuhe mit dem kleinen Absatz und auf die Finger meiner Hand steckte ich Ringe – links Ganesha und rechts, Granate, ein Geschenk meines Bruders. Und dann harrte ich aus. Als der Mond allmählich verblasste und die Sonne ihre ersten Strahlen über den Horizont schickte … wusste ich, du würdest nicht mehr kommen.

„Die nächste Liebe“, hattest du gesagt, „die nächste Liebe ist für immer. Jetzt aber hielten dich deine Arbeit als Schauspieler und Theaterdirektor und etwaige Verpflichtungen zu sehr gefangen, um ernsthafte Pläne zu schmieden. Aber die nächste Liebe … doch bis dahin wolltest du das Leben genießen. Ich hatte genickt und im Grunde nichts verstanden.

 

Die Tage verstreichen ohne eine Nachricht von dir.
Einer inneren Stimme folgend, gebe ich ihren Namen in der Suchleiste ein und schon beim ersten Blick auf das Miniaturbild wird mir klar, dass dies ein fataler Fehler war. Aber für einen Rückzieher ist es zu spät, und lieber den großenallergrößtmöglichen Schmerz ertragen, als noch länger diese quälende Ungewissheit. Mit zitternden Fingern klicke ich ihr Profil an und in Sekundenbruchteile zerplatzen meine Illusionen, meine Hoffnung liegt in Scherben.

Kein Schmerz, kein Stich, kein wahrnehmbares Geräusch. Nichts. Mein Herz, dieses törichte, kleine Wunderding bricht völlig lautlos entzwei und was zurückbleibt, ist ein gähnender Abgrund, Leerstelle und die Asche meiner Träume.

Ich weiß gar nicht, wer ich heute bin

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Wenn ich mich an jenen Tag erinnere, dann immer mit einem gewissen Gefühl der Ungläubigkeit „Das ist es also? Das ist alles?“

Unbeschreiblich, unmöglich in Worte zu fassen, diesen Moment.

Nur der Linoleumboden ist mir genau im Gedächtnis geblieben, schmutzig-beige-graue Farbe und die Maserung, die unter den unzähligen Schuhen verblasste. Ich erinnere mich, darauf gestarrt zu haben, während eine Hand den winzigen Papierstreifen mit meinem Namen und einer Archivnummer darauf vor Anspannung zerknüllte.

Noch wagte ich nicht, daran zu glauben, viel zu oft war ich just an dieser Stelle gescheitert als mich jetzt auch nur gedanklich irgendwelchen Hoffnungen hinzugeben. Stattdessen schwor ich mir, dies sollte das letzte Mal gewesen sein, sollte ich wieder scheitern, würde ich keinen erneuten Versuch unternehmen. Ich hatte alle Hebel in Bewegung gesetzt, alle in meiner Macht stehenden Schritte unternommen, es gab schlichtweg nichts mehr, was ich tun konnte.

Mein Gedankengang wurde jäh unterbrochen als mein Name aufgerufen wurde.

Mit beklommenen Schritten ging ich zum Schalter und schob meinen Zettel unter der Scheibe durch. Die Frau blickte nicht einmal auf, nahm gelangweilt den zerknitterten Papierfetzen entgegen, entfernte sich kurz und begann in einer Schublade mit Akten zu suchen. Gleich darauf kehrte sie zurück und schob mir wortlos eine kleine, rechteckige, blaue Karte entgegen zusammen mit einem Formular, auf dem ich den Empfang mittels meiner Unterschrift zu bestätigen hatte. Das war´s. Eine 3-jährige Odyssee, meine nervenaufreibende Suche nach verschollenen Dokumenten, Tränen der Wut und Frustration, meine Zweifel, die Mutlosigkeit, die ernüchternden Worte diverser Beamten – Ihr Anliegen wird keinen Erfolg haben – wenn sie meinen Antrag ablehnten, all das rückte mit einem Schlag in den Hintergrund.

In meiner Hand hielt ich den sichtbaren Beweis, meinen DNI – documento nacional de identidad. Ich war jetzt ganz offiziell Peruanerin.

Mein Herz klopfte zum Zerspringen, aber in meinem Kopf herrschte gähnende Leere.

Hastig, ohne mich umzuschauen verließ ich das Gebäude, als befürchtete ich, dass es jemanden im allerletzten Moment einfallen sollte, dass hier ein Irrtum vorliege und ich den Ausweis wieder abgeben müsste.

Ich weiß, dass wir anschließend etwas trinken gegangen sind, um das Ereignis gebührend zu feiern. Es gibt Fotos, auf denen ich breit lächle, aber immer mit diesem zweifelnden, leicht skeptischen Ausdruck in den Augen. Ansonsten ist meine Erinnerung verschwommen.

Erst in der Sicherheit meiner vier Wände fiel die Benommenheit von mir ab, ich realisierte endlich, was geschehen war und begann hemmungslos zu schluchzen. Die Anspannung der letzten Tage und Wochen entlud sich in einem emotionalen Ausbruch, dessen Heftigkeit mich völlig ausgelaugt zurückließ.

Auf meinem Bett liegend, ließ ich vor meinem inneren Auge, all die Momente, die Menschen, die unternommenen Schritte und Entscheidungen, die mich hierher geführt hatten, vorbeiziehen.

20 Stunden einfach in einem klapprigen Bus durch das peruanische Hinterland zum Ort meiner Geburt – an der höchsten Stelle überquert man einen Pass von 5000m – 5 Stunden davon in einem winzigen Überlandbus durch die Nacht und ich die einzige Frau unter lauter Männern und das Wissen, wenn sie jetzt Hackfleisch aus dir machen, wird dich niemand mehr finden.

Der herb-intensive Duft von Eukalyptus, zum ersten Mal und danach unwiderruflich in mein Sein eingebrannt.

Mir unbekannte Personen, die sich an mich erinnerten, strahlende, von Falten umrahmte, wache Augen und lächelnde Münder, von deren Lippen das Quechua wie ein lieblicher Singsang an meine Ohren drang.

Kinder von entfernten Verwandten, kleine Miniaturausgaben von mir.

Und immer wieder diese verrückten, nervenzerfetzenden, beklemmenden Fragen: Was ist Identität? Was ist das Leben? Was ist ein Mensch ohne Wurzeln? Wer bist du?

Freilich mag dies für die meisten furchtbar pathetisch, banal oder wie das prätentiöse Ergebnis eines überspannten Verstandes wirken. Dennoch muss ich diese pathetisch-banalen-prätentiösen Fragen stellen, da sie ein Teil von mir sind, ein nicht zu unterschätzender Teil, und es immer sein werden.

Das kann niemand verstehen, wirklich (auch das eine pathetische Verallgemeinerung vielleicht) nachvollziehen, in seinen ganzem Ausmaße begreifen, der nicht selbst in einer ähnlichen Situation gewesen ist. Verstandesmäßig vielleicht, aber auf der Gefühlsebene beginnt das Scheitern. Ich weiß das, viel zu oft, habe ich Erklärungsversuche unternommen und hinterher lediglich in völlig verständnislose Mienen geblickt. Überflüssig anzumerken, dass es mit mal zu mal zermürbender wird.

Im Grunde ist es ganz einfach. Irgendwann ist mir ein Teil meiner Selbst abhanden gekommen, aber ich bin dabei ihn wiederzufinden und nur ich weiß, was das mit einem, was das mit mir macht.

Peru ist ein seltsames, faszinierendes Land. Und auch wenn ich bisweilen die Schnauze voll habe und am liebsten alles hinwerfen, davon laufen möchte, bin ich dankbar für jeden Tag, den ich hier verbringen kann. Ich sage es ganz ehrlich, wie ich es empfinde. Mag sein, dass meine Sichtweise etwas eindimensional ist, aber es die einzige mir zur Verfügung stehende Art, die Dinge anzunehmen.

Peru … ist nichts für schwache Nerven, wahrlich nicht. Peru verlockt, Peru verzaubert, aber Peru schockiert auch, Peru frisst dich auf, wenn du nicht aufpasst.

Natürlich war es ganz allein meine persönliche Entscheidung, hierher zu kommen, noch dazu eine egoistische. Man kann mir ja viel unterstellen, aber dessen war ich mir stets bewusst. Natürlich gehört schon eine ordentliche Portion Egoismus dazu, die Zelte abzubrechen und sich aufzumachen, davonzumachen einer wagen Idee, einem wagen Versprechen folgend. Von Leichtsinn und Naivität gar nicht zu sprechen, nun in meinem Fall hatte ich Glück und … das wichtigste überhaupt, meine Familie als Rückhalt und die bereitwillige Schulter wirklich guter Freunde, um sich darüber mal so richtig auszukotzen.

Das finde ich nämlich traurig und damit habe ich auch zu kämpfen. Die Reaktionen aus der „Heimat“ fallen gemischt aus, wie lange willst du diesen Trip noch durchziehen? Ist das nur ne Phase? Und: Ja, du hast´s gut, du kannst dich nicht beklagen, du machst ja quasi Urlaub. Ich wünschte, ich hätte es auch so gut wie du. Und das Thema Kulturschock oder kulturelle Unterschiede wird sogleich unterschlagen, gibt es ja nicht in meinem Fall: Ich könnte das ja nicht, aber in deinem Fall ist das ja ganz leicht, es sind ja deine Landsleute …

Was soll ich auf ein „was beklagst du dich, wenn’s dir zuviel wird, dann komm‘ doch einfach zurück“ entgegnen? Vielleicht das: Ich klage nicht, habe ich noch nie. Aber auch meine Reserven sind irgendwann aufgebracht und gegen Monatsende fühle ich mich so hohl, so bar jeglichen Gefühls oder eben zu viel, zu viele Emotionen gleichzeitig, die auf mich niederprasseln. Das Wort Heimweh erscheint mir dafür zu banal, es ist nicht nur das. Ich kann die Dinge beim Namen nennen und ganz gut in Worte kleiden, aber das ist nicht annähernd dasselbe. Es klingt vermutlich sehr arrogant, wenn ich behaupte, das kann keiner nachvollziehen, wirklich nachvollziehen, der noch nie fern der Heimat war und das nicht nur für die Länge eines Urlaubs. Eine wage Vorstellung machen wir uns alle und das ist auch gut so, aber die Realität als solche zu leben, ist etwas völlig anderes.

Ich vermisse den Duft des Flieders, die scheinbar endlosen Sommernächte, die grauen, verregneten Novembertage, buntes Herbstlaub und die Wärme eines Kamins, wenn draußen ein Schneesturm tobt. Ich vermisse auch so banale Dinge, wie Käse, Vollkornbrot, Mamas Rhabarberkuchen. Ich vermisse meine Bücher und manchmal ein ganz bestimmtes Kleidungsstück. Ich vermisse die Sicherheit, die Selbstverständlichkeit, das nicht-ewige-sich-erklären-rechtfertigen-müssen. Und wenn ich etwas bestimmtes suche/brauche, vermisse ich es, nicht ganz selbstverständlich und zielstrebig in den nächsten Laden marschieren zu können, um diese Banalität zu erwerben. Hier gleicht der Konsum manchmal einer wahren Odyssee, wo zur Hölle finde ich das nur? Wie komme ich dorthin? Noch besser, wie komme ich wieder zurück? Kann ich dem Taxifahrer vertrauen oder legt er mich an der nächsten Ecke um? Und ist das nicht am Ende nur eine billige Fälschung aus China?!

Und dann meine Familie … Freunde klammere ich erstmal aus. Ich schätze, das ist wie in jeder Art von Beziehung auf Distanz, irgendwann kommt der Punkt, wo man sich nichts mehr zu sagen hat, man sich voneinander weg entwickelt, das ist ok, nicht gut, aber ok.

Aber die Familie … ich weiß, dass man einmal verlorene Zeit nicht nachholen kann. Das ist eine so banale Wahrheit, dass man sie fast nicht aussprechen mag, aber an manchen Tagen krallt sich diese Vorstellung so vehement in meinen Verstand, dass ich geradezu davon besessen bin.

Ich bin hier, weil ich es so will, aber die Zeit dort bleibt deswegen nicht stehen. Ich verpasse so viel. Und manchmal überkommt mich Panik, dass mein Entschluss falsch war, alles ein großer Irrtum, den ich irgendwann zutiefst bereuen werde. Ich habe das Gefühl, ich sollte gegenwärtiger sein. Die Zeit mit den Lieben bis ins Innerste ausschöpfen, so lange es geht. Stattdessen bin ich hier und manchmal fällt es mir schwer, mir selbst zu glauben, dass das richtig war, richtig ist.

Mein Spanischprofessor, Peruaner aus Lima, hat mir bei unserem letzten Gespräch ein gewisses literarisches Talent attestiert und außerdem den Rat gegeben, nicht meine Zeit zu verschwenden. Ich tue mein Bestes.

Ich werde ständig gefragt – in der Mehrheit von Deutschen, meistens mit dem Unterton „wie kann man hier nur freiwillig leben wollen“ – wie lange ich noch hier bleiben werde und ob ich mein Leben nun hier sehe.

Ich weiß es nicht. Um ehrlich zu sein, habe ich keine Ahnung, was die Zukunft für mich bereit hält. Für den Moment bin ich hier und es fühlt sich meistens gut an, aber für immer klingt so schrecklich endgültig. Irgendwo habe ich mal gelesen, dass dieses „sich-nicht-festlegen-wollen“ ganz charakteristisch für unsere Gesellschaft ist. Sich bloß nicht einschränken und keine Optionen außen vorlassen, womit wir wieder beim Thema Egoismus wären. In dem Falle bin ich aber gerne egoistisch, ich mag mich nicht entscheiden. Ich bleibe hier – erstmal, aber ich komme auch immer wieder zurück, ganz zwangsläufig.

Ich wollte den DNI, so sehr, mit jeder Faser meines Herzens. Dabei ist das sich dauerhaft im Lande aufhalten können nur ein Beweggrund dafür, im Grunde ist es mehr ein persönliches Anliegen. Der Wunsch offiziell Peruanerin zu sein. Natürlich ist es albern zu glauben, dass dir ein Stück Papier so etwas wie Identität schenken kann, das tut es auch nicht. Früher war diese Frage für mich – wie auch für meine Geschwister – kritischer. Wir reden zwar nicht darüber, müssen wir auch nicht, aber ich weiß, dass jeder von uns, bisweilen damit zu kämpfen hat und für sich selbst Lösungsansätze suchte oder noch suchen muss.

Diese Zerrissenheit war und ist komplex und ich konnte es lange Zeit nicht formulieren, nicht begreifen, geschweige denn benennen, was mir denn nun eigentlich fehlte. Mir ging es doch immer gut, was bitte schön konnte mir denn fehlen?!

Kennst du das Gefühl, sich unvollständig zu fühlen? Mir ging es lange so, als wäre mir ein entscheidender Teil von mir abhanden gekommen, aber von außen betrachtet, war ich heil, eine Einheit.

Dass ich eines Tages nach Peru reisen würde, stand für mich immer fest, aber ich habe es lange Zeit immer wieder vor mich hergeschoben, bewusst oder unbewusst. Und dann kam der Anruf, die Nachricht vom Tod unseres Vaters. Dieses zu spät kommen war schlimm, aber als Anstoß wohl auch nötig, manche Dinge kann man, darf man nicht zu lange aufschieben.

Also ging ich nach Peru, nicht mit dem Gedanken, eine neue Heimat vorzufinden, so naiv war ich dann doch nicht, aber mit der Hoffnungen, ein paar Einsichten über mich zu gewinnen.

Ich habe mich immer dagegen gewährt „nur“ Deutsche zu sein, habe ich mich auch nie als besonders deutsch empfunden – und wollte auch gar nicht zu den Deutschdeutschen dazugehören, dagegen versuchte ich den anderen Teil – vielleicht auch zwanghaft – zu integrieren. Peruanerin klang ja auch soviel exotischer

Ironischerweise habe ich mich erst im Ausland mit meiner deutschen Seite „ausgesöhnt“, ich liebe mein Land, bin stolz auf seine Errungenschaften und dankbar für die Möglichkeiten, die mir offen stehen.

Und dann kam ich nach Peru. Hatte ich mich in Deutschland nicht dazugehörig gefühlt, dann war ich hier definitiv ein Alien. Rein äußerlich ging ich zwar als Einheimische durch, aber verriet mich nicht mein Kleidungsstil, dann aber auf jeden Fall meine Art zu sprechen.

Schon wieder eine geplatzte Illusion, ein gehöriges auf-die-Schnauze-fallen, unweigerlich und auch notwendig.

Mehr denn je saß ich zwischen den Stühlen und mir wurde schmerzhaft bewusst, dass es vollkommen gleichgültig war, ob ich hier oder dort war, unterm Strich würde ich immer etwas missen, jemanden vermissen.

Aber dann habe ich begriffen, dass es ganz bei mir liegt, darum ein Aufhebens, ein unnötiges Drama zu machen. Wenn ich mich weigere, kann mir niemand eine Entscheidung abringen. Ich bin weder das eine, noch völlig das andere, ich bin entweder keines von beiden oder so viel mehr als die bloße Summe beider Teile.

Ich würde gerne von mir selbst behaupten, dass mich seither nichts mehr aus der Bahn zu werfen vermag, ich keine Angst mehr habe, die Antwort auf alle Fragen kenne und überhaupt klüger, reifer und stärker geworden bin. Doch tatsächlich ertappe ich mich bisweilen dabei, dass ich immer noch der gehemmte und eingeschüchterte Teenager bin, der sich in großen Menschenansammlungen unwohl fühlt oder wenn Fremde das Wort an mich richten. Ich denke an all die begründeten und noch mehr unbegründeten Ängste, die mich manchmal zu übermannen drohen, Zweifel gegen Ende des Monats, kindische Komplexe und kapriziöse Stimmungsschwankungen.

Aber dann erinnere ich mich an diesen Moment, als ich eine kleine blaue Karte überreicht bekommen habe, die im Grunde gar nichts ändert und alles und ich verstehe, dass all diese Barrieren nur in meinem Kopf existieren.

Ich bin nicht perfekt, mein Leben ist nicht perfekt, weiß Gott nicht. Aber darum geht es auch nicht. Im Grunde mag ich es ganz gern so, mit all den Stürzen, den blauen Flecken …

Ich möchte es nicht anders, nur … ein wenig freier, ohne selbst gesetzte Schranken.

Aber ich arbeite daran. Paso a paso.

Kaktusfrucht Déjà – vu

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„Bienvenidos a Alto Selva Alegre – trabajando por in distrito para la vida con dignidad“

Der weiße Schriftzug auf dem rotem Banner zieht sich von Hauswand zu Hauswand, prangt an Mauern, Brücken und unverputzten Wänden.

Der Aufstieg vom Centro zum Barrio ist steil. Die Straße streckenweise nicht vorhanden.

In der Mittagssonne flimmert der Horizont, die Wolken hängen tief vom dunstigen Blau, die Hitze legt sich schwer auf Schultern, Kopf und Verstand. Atmen fällt schwer.

Die vorbeifahrenden Autos wirbeln den Staub auf, vereinzelt ist lautes Hupen zu hören.

Mein Herz schlägt zum Zerspringen und das Blut dröhnt in den Ohren vom schnellen Aufstieg. Das letzte Stück ist besonders beschwerlich, wie stets.

Die Steigung geht so abrupt in die Ebene über, dass die schweren Beine fast ins Stolpern geraten.

Als ich den Kopf hebe, nimmt er mein gesamtes Blickfeld ein.

Unendlich nah weit weg, man müsste nur die Finger ausstrecken, ragt er aus der kargen Landschaft. El Misti. Seine Spitze ist schneebedeckt. Ein leichtes Beben hin und wieder verrät, dass er nicht immer schläft.

Auf einem Schild, so klein, man übersieht es leicht, lese ich im Vorübergehen:

„La solidaridad es la mejor arma contra el delito“

Auf den Lippen schmecke ich noch die körnige Süße der Frucht.

Kaktusfrucht-Déjà-vu, denke ich.

Ich hielt die kleine, tiefrote, manchmal grün oder orangegelbe, stachelige Frucht vor wenigen Minuten zum ersten mal in den Händen und doch …

Der Geschmack ist mir so vertraut, ich habe ihn wiedererkannt.

Als ich jetzt weitergehe, rast mein Herz vor Glück, für das ich keine Erklärung brauche.

Fragment

 

Es gibt kein Wasser. Se cae el cielo, sagen die Arequipeños und in den Straßen staut sich mitunter zentimeterhoch das Regenwasser, aber die Hähne bleiben wie zum Hohn trocken. Kein Wasser, schon seit gestern Nacht.

Ich habe mir eine 2,5 L Wasserflasche gekauft. Am Horizont türmen sich unheilvoll dunkle Wolken, doch die Sonne brennt ungerührt vom Himmel. Später wird es sicher regnen. Vielleicht habe ich Glück und es bleibt mir ein Zeitfenster von etwa 40 Minuten, länger brauche ich nicht für meine Runde um den Park.

… eigentlich denke ich sehr oft an dich, spreche mit dir, in Gedanken.

Ich absorbiere mein Umfeld wie ein Schwamm, in meinem Kopf formen sich Sätze wie Schlangen um das Haupt der Medusa.

Heute habe ich mich ein wenig in Andahuaylas umgesehen, ich war in einer kleinen Kapelle, auf dem örtlichen Friedhof, kleine in Stein gehauene Nischen mit Bildern und Blumen geschmückt nebst einem Hang mit windschiefen, teils verwitterten Holzkreuzen.

Beim herumstromern habe ich Mamas Weihnachtssternbaum gefunden.

Nachts zieht ein Geruch von Holz und Eukalyptus durch die Straßen. Insgesamt kann man es hier schon aushalten.

Die Andahuaylinos sind so ganz anders als die Arequipeños.

Einfache, bescheidene Leute. Fremden gegenüber neugierig ohne aufdringlich zu sein und freundlich, das vor allem.

Die Arequipeños dagegen wirken oft ziemlich versnobt.

Großstadtmenschen, überwiegend hell- bzw. hellhäutiger, ostentativ sich über die campesinos, die „ungebildeten“ Bauern der altiplanos erhebend; sich am westlichen Standard orientierend auf geradezu anbiedernde Weise und dabei ihre Wurzeln verleugnend.

Auch das ist Peru.

Die Straße von Andahuaylas nach Chicmo schlängelt sich durch eine mit Eukalyptus bewachsene Hügelkette. Zu beiden Seiten der Straße ragen die Gesteinsfelsen in das in der Mittagshitze flimmernde Blau, ab und zu zieht ein Gehöft vorbei, dürre Hunde und barfüßige Kinder säumen die Wege und auf den Boden liegt eine feine Staubschicht, die unter dem Getrappel kleiner Füße aufgewirbelt wird.

Wir fahren etwa eine halbe Stunde, auf der Strecke gibt es drei Bodenwellen. Die Taxifahrer sind wie es scheint von Natur aus ein risikofreudiges Volk, oder zumindest der meine. Ohne das Tempo zu drosseln passiert er die erste Bodenwelle und für den Bruchteil einer Sekunde lösen sich die Reifen vom Boden – mein Magen hebt sich gleichermaßen – bevor sie schwungvoll wieder Kontakt aufnehmen. Dieser Moment ist einzigartig, surreal, eine Nanosekunde lang fühle ich mich völlig schwerelos, ein Gefühl wie Fliegen, mein Magen sackt wieder an seinen alteingestammten Platz, aber das Glücksgefühl bleibt und zieht schwindlige Kreise in meinem Kopf.

Einmal hatte es geregnet, ein kleiner Wolkenbruch und in den Bodensenken staute sich das Regenwasser. Als der Wagen die Stelle durchpflügte, spritzte rechts und links eine Wasserfontäne in die Höhe. Und ich gebe zu, in diesem Moment fühlte ich mich unendlich.

Ich steige auf einen Hügel, von hier oben hat man einen wunderbaren Ausblick auf die Stadt und die umliegenden Hänge.

Dichte, grün bewachsene Flächen. Es ist so friedlich hier, kein Laut dringt an meine Ohren. Nur das Rascheln der Eukalyptusblätter und sanftes Vogelgezwitscher.

Die mächtigen Baumstämme wiegen sich träge im Wind und vereinzelt ist ein Quietschen wie von einer schlecht geölten Tür zu hören.

„Das ist der Saft, der vom Stamm bis in die Krone fließt und den Baum mit Leben füllt“, sagt Mama.

Vielleicht, der Frühling naht.

Die kleine Kapelle von Andahuaylas ist verlassen, als ich sie betrete.

In der Mitte hängt ein großes Holzkreuz, daran Jesus, sein Gesicht schmerzverzerrt, in erbarmungswürdiger Weise gen Boden gerichtet. Blut und Schweiß bedecken seine Schläfen.

Eine dreifarbige Schärpe schlängelt sich vom Kreuz in Richtung Boden hinab. An den Wänden hängen Heiligenbilder, einige erkenne ich wieder, andere hingegen bleiben mir fremd.

Vor dem Altar steht eine einzelne Bank. Der Fußteil ist mit einem geblümten Stoff überzogen.

Zu beiden Seiten stehen Vasen, darin neigen Gladiolen, Lilien und Chrysanthemen schwer ihre Köpfe.

Durch ein Fenster im Dach dringt warmes Sonnenlicht, winzige Staubkörner tanzen darin.

Ich setze mich in die zweite Bankreihe.

Ich hoffe – ich denke – ich bete – ich habe noch nicht alle Dokumente – der Beweggrund für meine Reise – zusammen. Und bisher besteht wenig Aussicht auf Erfolg.

Aber das ist nicht der wahre Grund für meine Unruhe.

Der ist um Längen banaler. Zu banal, um ihn auch nur gedanklich in Worte zu kleiden.

Ich weiß, ich sollte dich nicht wollen, nicht deine Nähe suchen noch schlecht formulierte Worte an dich richten oder gar an dich denken.

Ich bin nicht allein. Eine alte Frau betritt die Kapelle, die Jahre wiegen schwer auf ihren gebeugten Schultern. Ihr sonnenverbranntes Gesicht überzieht ein feines Netz unzähliger Furchen und Falten.

Mit kleinen, schlurfenden, aber zielgerichteten Schritten nähert sie sich dem Kreuz.

Vor der Bank bleibt sie stehen, ihr Blick gleitet nach oben, sie bekreuzigt sich und lässt sich mit langsamen Bewegungen auf die Bank nieder.

Ich betrachte sie, die schwarzen Zöpfe, die unter ihrem Hut hervorlugen und fast die gesamte Länge ihres Rückens ausmachen.

Mein Blick heftet sich auf ihre bunten Röcke, die groben Wollstrümpfe in den staubbedeckten Schuhe mit den abgelaufenen Sohlen.

Der Moment ist besonders und ich kann nicht umhin, als ein tiefes Gefühl der Verbundenheit mit ihr zu empfinden. In meinen Augen ist sie wunderschön.

Und ich wünschte, ich hätte ihr Vertrauen, ihre Zuversicht und ein wenig von ihrer gelassenen Stärke, die aus ihrer Haltung und jeder ihrer Bewegungen spricht.

Nach einer Weile erhebt sie sich, bekreuzigt sich abermals und geht mit festen, aufrechten Schritten dem Ausgang zu.

Ich muss das vergessen, es loslassen und endlich hinter mir lassen, sage ich mir als ich mich auf dem örtlichen Friedhof wiederfinde. Ich weiß nicht, wie ich hierher gekommen bin, mag sein, dass meine Schritte ein Eigenleben entwickeln und mich an Orte führen, die mein Verstand nur unbewusst anvisiert.

Friedhöfe üben seit jeher eine zugegeben etwas morbide Faszination auf mich aus und dieser hier ist besonders sehenswert mit seinen unzähligen in Stein gefassten Nischen.

Ich durchschreite Reihe um Reihe, lese die Namen: Dante, Nicolas, Esteban, Ana, Teresa, Maria … manchmal wiederholen sich die Namen. Es scheint, als seien gerade die Josés und Daniels von einer höheren Sterblichkeit betroffen.

So wandere ich eine Weile umher, ohne jegliches Zeitgefühl, betrachte Bilder, rieche an in der Hitze intensiv duftende Blumen, lese in der Sonne verblasste Inschriften. Irgendwann setze ich mich auf eine der steinernen Stufen und drücke meine Sonnenbrille mit den verspiegelten Gläsern tief ins Gesicht.

Ein Schatten fällt auf mich und ich weiß nicht, warum ich plötzlich so schwermütig bin.

Ich schlinge beide Arme um mich, wiege mich selbst. Mein Körper zittert wie unter einer großen Anstrengung, meine Haut trauert, aber ich weiß nicht um was oder wen. Kein Laut kommt über meine Lippen während die Tränen mit erschreckender Heftigkeit über meine Wangen strömen.

Ein winziger, filigraner Körper erregt meine Aufmerksamkeit, pfeilschnell und mit unglaublicher Präzision schnellt er von links nach rechts, von oben nach unten, gewagte Manöver, Sturzflüge, um sich gleich darauf wieder in wirbelnden Kreisbewegungen in die Höhe zu schrauben.

Einen Moment verharrt er nur wenige Zentimeter vor meinen Gesicht, zierliche Flügel bewegen sich irisierend schnell, der kleine Körper steht völlig frei im Raum, schwarze, überraschend wache Pupillen fixieren mich.

Man sagt,

Kolibris sind Boten des Himmels, sie bringen Nachricht von den Verstorbenen, Grüße, Liebe und Hoffnung.

Ich weiß nicht, ob das stimmt. Aber in diesem Moment muss ich lächeln.

Ich stehe auf, klopfe den Staub von meiner Hose.

Meine Hand hinterlässt Streifen auf meinen Wangen, als ich darüber wische.

Was soll´s –

Mein Lächeln vertieft sich.

Die Sonne steht tief, als ich den Friedhof verlasse und den Heimweg einschlage.

– Alles halb so schlimm.

Ojos de piedra

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„Pflicht oder Wahrheit“, fragt José Antonio. Sein durchdringender Blick ist fest auf mein Gesicht geheftet und ich beginne zu verstehen, warum die meisten unter diesem Blick zusammenbrechen, errötend etwas unzusammenhängendes stammeln oder völlig betreten auf ihre Schuhe starren.

Es sind die Augen eines Besessenen. Ein unheimliches Feuer lodert darin, eine Intensität, die einem psychopathischem Serienmörder gut zu Gesicht stünde und doch fasziniert und stößt mich dieses Gesicht zu gleichen Teilen ab.

Dieser, sein Basiliskenblick erweckt den Eindruck, als könnte er in die entferntesten Winkel einer Seele blicken, die dunkelsten Abgründe darin erahnen.

Und während ich seinem Blick, dem Feuer mit Feuer begegne, ist mir nur allzu bewusst, dass wir nur aus einem Grund hier sitzen.

Sein Tier hat unter all den Häuten meines entdeckt.

„Pflicht oder Wahrheit“, wiederholt er und in seiner Stimme schwingt ein ungeduldiger Ton, die Konsonanten vibrieren. Man lässt ihn nicht warten.

„Pflicht“, entgegne ich ohne zu überlegen.

Ein diabolisches Lächeln schiebt sich auf seine hübsch geschwungenen Lippen, lässt Schauer der Aufregung über meinen Rücken laufen.

Natürlich wird er nichts Sexuelles fordern, dafür ist er zu sehr Künstler, zu sehr der Ästhetik ergeben. Der reine Akt erscheint ihm geradezu banal. Erst das Abgründige macht ihn für ihn reizvoll.

„Du behauptest schreiben zu können“, sagt er unvermittelt, seine Stimme ist schneidend und der Ton geradezu beleidigend arrogant.

Ohne den Blick abzuwenden, nicke ich stumm. Wir fixieren einander, als schätzten wir die exakte Distanz und den perfekten Einschusswinkel imaginärer Kugeln ab.

„Beweise es!“ Seine gezischten Worte treffen mich wie ein Fehdehandschuh.

„Wie?“, verlange ich zu wissen, mein Kinn zuckt trotzig nach oben und ich ärgere mich augenblicklich, dass ich meine Reaktionen so schlecht unter Kontrolle habe.

Diese kleine unwillkürliche Bewegung ist ihm natürlich nicht verborgen geblieben und in seinen Augen flackert es höhnisch.

Ojos de piedra“, sagt er herausfordernd langsam, Silbe für Silbe auskostend, die Mundwinkel zu einem maliziösen Lächeln verzogen.

Ojos de piedra“, frage ich mit hochgezogener Augenbraue. Ich verstehe nicht.

Sogleich trifft mich sein geringschätziger Blick. Geduld ist keine seiner Tugenden.

Ojos de piedra“, wiederholt er diesmal mit einer Stimme, deren Kälte mich beinahe frösteln lässt. „Das ist die einzige Vorlage und jetzt zeig, was du kannst!“

Ich schließe die Augen, atme ein, atme aus. Ich spüre seinen beobachtenden Blick einer heißen Woge gleich über mein Gesicht streichen. Ich atme ein, ich atme aus.

Ich weiß, die nächsten Minuten sind entscheidend. Eine zweite Chance gibt es nicht.

Ohne die Augen zu öffnen beginne ich zu rezitieren:

 

Ich habe Tränen getrunken,

denn die Nacht war jung und die Nacht gab mir ein Versprechen,

saß bei Göttinnen,

teilte deren Lieder, ihr Lachen, ihren Schmerz.

Daniela Andrade sang voll süßen Vertrauens „la vie en rose“

und nebenan liebten sich zwei.

Die Nacht warf ihren Schatten

und als gegen 5 Uhr morgens meine Welt sich in ihre Bestandteile aufzulösen begann, nahmst du meine Hand

und sagtest,

dies hier ist wirklich,

und

dies hier ist für immer.

Du sahst mich an,

– irgendwo spielten sie „comptine d’un autre été“-

mit Augen so dunkel wie ein Obsidian.

Man sagt,

Obsidian entsteht bei rascher Abkühlung von Lava mit einem Massenanteil an Wasser von maximal 3–4 %. Aufgrund der raschen Abkühlung kommt es nicht zur Ausbildung regelmäßiger Kristallstrukturen. Das Glas, aus dem der Obsidian besteht, hat damit ein chaotisches, amorphes Gefüge.

Sag, du amorphes Wesen,

wusstest du das?

Sie verrieten nichts,

perfekte Komplizen, dunkelbraun fast schwarz

ojos de piedra.

Eine Fingerspitze tippte herausfordernd an meine Schläfe, strich nachlässig übers Jochbein, umkreiste spielerisch die Kurve eines Ohrs und glitt voll dreister Selbstverständlichkeit zur Mitte hin.

Dein Finger auf meinen Lippen, ein Ausrufezeichen.

Der Blick ist tief, dein Lächeln beredt

und ich …

Ich weiß,

du lügst so wundervoll wenn du willst

und dass du willst, ist offensichtlich.

Doch in diesem Moment,

glaubte ich dir.

In diesem Moment, da glaube ich dir.

 

Scharf ziehe ich die Luft ein und halte inne.

Ich sage nichts, er sagt nichts. Das Schweigen dehnt sich zu Minuten aus. Ich bin verwirrt, erst jetzt realisiere ich, dass meine rechte Hand während des Sprechens, die beschriebenen Bewegungen unwillkürlich nachgeahmt hat.

Verlegenheit färbt meine Wangen rot. Ich komme mir furchtbar albern vor.

Als ich es endlich wage, seinem Blick zu begegnen, überzieht ein Strahlen sein Gesicht und in seinen Augen glüht ein irisierender Funke – eine Einladung, ein Versprechen –  dunkelbraun, fast schwarz.