In der Erinnerung sind Träume bunt

RÜCKBLENDE 2

2015/2016

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… die Feiertage habe ich in der Ruhe und Abgeschiedenheit meines Zimmers verbracht und lediglich das Haus verlassen, um frisches Obst und Gemüse zu kaufen. Ich habe die Einsamkeit gesucht. Die letzten Tage waren recht arbeitsintensiv und ich merke, wie meine Energiereserven immer mehr auf Sparflamme laufen.

Das ist der Vorteil an diesem Beruf. An manchen Tagen fehlt mir jegliche Motivation – animos sagen die Peruaner – meine Stimmung ist am Boden, das Herz ist schwer und der Kopf voll abstruser Gedanken, doch dies alles zählt nicht, dies alles rückt völlig in den Hintergrund, wenn ich durch das schmiedeeiserne Tor im Eingangsbereich gehe. Für meine Schüler – ich kann sie nicht hängenlassen – gebe ich alles, ich reiße mich zusammen und setze ein Lächeln auf und eigentlich muss ich mich gar nicht dazu zwingen. Stehe ich vor ihnen und betrachte ihre aufmerksamen Gesichter, sehe in ihre interessierten und erwartungsvollen Augen – natürlich gibt es immer Ausnahmen – fällt alles Schwere, alles Bedrückende, jegliche Schwermut von mir ab. Ich bin ganz bei mir.

Oft fragen mich meine Schüler nach meinem Alter und ob ich verheiratet sei oder zumindest liiert. Sie zeigen sich regelmäßig überrascht, sie hätten mich jünger eingeschätzt, wie schmeichelhaft.

Und Kinder, willst du denn keine Kinder?

Nein. Augenbrauen die in die Höhe schnellen und die fassungslose Frage: Keine Kinder? Aber später vielleicht, oder?

Nein. Auch nicht später. Vielleicht. Vielleicht aber doch, wer weiß. Ich kann mich da nicht festlegen. Ich finde den Gedanken, nicht zu heiraten und niemals eine eigene Familie zu gründen, keineswegs abwegig oder erschreckend. Ich sehe mich nicht als Mutter, habe es nie. Obwohl ich gerne gebe. Und ich freue mich, meinen Schülern helfen zu können, ich freue mich über ihre Fortschritte, ihre Erfolge, um ihretwillen. Für sie bin ich Schwester, Mutter, Freundin, Therapeutin … vermutlich verspüre ich deswegen nicht den Drang, die klassische Mutterrolle einzugehen, ich fülle sie ja schon längst aus, auch wenn „meine Kinder“ schon groß sind.

Doch trotz aller Hingabe, die ständige Präsenz fordert ihren Tribut und so finde ich mich am 24.12 pünktlich um 24 Uhr auf meinem Bett sitzend/halb liegend vor, während draußen der Nachthimmel in verschiedenfarbigen Feuerwerkskaskaden explodiert. Ich fühle mich ruhig, nicht traurig, vielleicht ein wenig wehmütig, weil ich gerade nicht bei meiner Familie sein kann, aber weniger wegen Weihnachten – hier kommt für mich einfach keine festliche Stimmung auf, es fehlt die Kälte und so viel mehr – sondern generell. Ich vermisse sie. Und eigentlich fehlt auch der obligatorische Gottesdienstbesuch, obwohl ich Messen furchtbar langweilig finde, mag ich die Weihnachtsmesse sehr gerne. Aber jetzt verspüre ich wenig Lust, einen Fuß vor die Tür zu setzen. Nein, ich bleibe einfach liegen und lasse angesichts des nahenden Jahreswechsels die Bilder, die Ereignisse dieses bald alten Jahres Revue passieren. Eigentlich ein ganz gutes Jahr, ich habe gelacht, ich habe geliebt, vermeintlich gehasst, geweint, auf den Tisch gehauen, auch mal den Mund gehalten, mich getraut, vertraut, vergeben, vergessen … von allem ein bisschen. Und trotz der Pleiten und Bruchlandungen, trotz der Verrücktheiten und Ernüchterungen, trotz der sprichwörtlichen blauen Flecken und davon gibt es reichlich viele – bisweilen stolpere ich unbeholfener durchs Leben als ein Blinder mit Krückstock – bereue ich nichts, auch wenn das nun furchtbar pathetisch klingt. Es ist wahr, all die Dummheiten, die ich beging, waren samt und sonders meine, aus freien Stücken verschuldet und vermutlich – hätte ich die Wahl – erneut und allzu bereitwillig wieder begangen.

2016 also. Ich verbrachte den Morgen sowie auch den frühen Abend auf einer Hochzeit. Eine Schülerin von mir hatte mich eingeladen. Peruanische Festlichkeiten sind … nun ja speziell, das kann man eigentlich gar nicht beschreiben, das muss man am besten selbst erleben. Später ließen wir den Abend/die Nacht noch im Zentrum ausklingen. Und dort wollte es der Zufall, das Schicksal oder schlichtweg die Ironie des Lebens, dass ich einer, nennen wir es mal „liegengebliebenen Liebschaft“ über den Weg lief. Glaubst du an Schicksal? Ich nicht, ich weigere mich vehement gegen den Gedanken, dass unser komplettes Leben vor- bzw. fremdbestimmt sein soll, dennoch … gewisse Ereignisse lassen mich zu der Überzeugung kommen, dass einige Begegnungen tatsächlich vorbestimmt sind. Betrachte ich die Kette aller Ereignisse, die jeweils dazu führten, erscheint es lächerlich noch von Zufall zu sprechen … wie dem auch sei.

Am letzten Abend dieses alten Jahres kreuzten sich unsere Wege erneut. José Antonio. Theaterdirektor, Schauspieler, Fotograf, exzentrisch, tiefgründig und mit einer Leidenschaft fürs Leben, die ihresgleichen sucht. Unser letztes Zusammentreffen verlief allerdings ziemlich bescheiden und über mehrere Monate herrschte absolute Funkstille. Umso überraschender und unerwarteter diese erneute Begegnung.

Es gab eine Zeit, da hätte ich mir durchaus etwas Großes vorstellen können, das war vor …, aber einer nach dem anderen …

José, einer vorübergehende Tollheit. An diesem Abend prüfte ich meine Gefühle genau. Er, immer noch exzentrisch, tiefgründig, leidenschaftlich und vielleicht auch nur ganz unbewusst Pfeile verschießend, die allesamt ihr Ziel verfehlten. An jenem Abend hörte es auf, wehzutun. Als wir so zusammen saßen und wie von selbst in die alte Vertrautheit fielen, verspürte ich eine große Erleichterung. Ich konnte ihn haben – vorübergehend freilich – die Sache war, ich wollte es nun nicht mehr. Kein Herzrasen, keine nervös gestammelten Worte, keine schlechten Kompromisse mehr. Ich war frei, endlich. Und so kam es, dass wir in den frühen Morgenstunden zusammensaßen, zu einer ganz unwirklichen Zeit, uns gegenübersaßen und sprichwörtlich blankzogen. Er erzählte mir von „ihr“, dem Ende und in seinen Augen blitzte kurz ein Abgrund auf, dann riss er sich wieder zusammen und blickt nur lakonisch zur Decke. Ich erzählte ihm von „ihm“ und der Enthusiasmus in meiner Stimme war vielleicht nicht gerechtfertigt, aber sei’s drum. Wir sprachen viel, beide ganz gegenwärtig und mit den Gedanken gleichzeitig meilenweit entfernt. Wir redeten ohne falsche Zurückhaltung, ohne Beklemmung in der Stimme … bis mir in den frühen Morgenstunden die Augen zufielen.

Ich schlief nicht lange, vielleicht zwei Stunden, als ich die Augen öffnete und unter verquollenen Lidern mein Umfeld blinzelnd begutachtete, konnte ich nicht anders als zu staunen. José lag zusammengerollt in Embryostellung auf meinem Bett. 24 Stunden zuvor wäre ich noch in schallendes Gelächter ausgebrochen, hätte mir jemand diese Szenerie geschildert. Leise erhob ich mich und trat vor die Tür. Ein wunderbar früher Morgen, es war erst kurz vor 6, die Sonne schickte ihre ersten Strahlen über die Gipfel von Misti, Chachani und Picchu Picchu. Ich hielt mein Gesicht der Sonne entgegen, schloss die Augen, kein Lärm war zu hören, kein Hupen, kein Motor, nichts. Stille. Und in diesen Moment verspürte ich einen großen Frieden.

2016?

Komme, was da komme, es schreckt mich nicht, ich bin bereit.

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